| Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung Von Friedrich Schiller (ca. 1788) |
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Cardinal Granvella
Anton Perenot, Bischof von Arras, nachheriger Erzbischof von Mecheln und Metropolitan der sämmtlichen Niederlande, den uns der Haß seiner Zeitgenossen unter dem Namen des Cardinals Granvella verewigt hat, wurde im Jahr 1516 zu Besançon in der Grafschaft Burgund geboren. Sein Vater, Nicolaus Perenot, eines Eisenschmieds Sohn, hatte sich durch eigenes Verdienst bis zum Geheimschreiber der Herzogin Margaretha von Savoyen, damaliger Regentin der Niederlande, emporgearbeitet; hier wurde er Karl dem Fünften als ein fähiger Geschäftsmann bekannt, der ihn in seine Dienste nahm und bei den wichtigsten Unterhandlungen gebrauchte. Zwanzig Jahre arbeitete er im Kabinet des Kaisers, bekleidete die Würde seines Geheimenraths und Siegelbewahrers, theilte alle Staatsgeheimnisse dieses Monarchen und erwarb sich ein großes Vermögen. Seine Würden, seinen Einfluß und seine Staatskunst erbte Anton Perenot, sein Sohn, der schon in frühen Jahren Proben der großen Fähigkeit ablegte, die ihm nachher eine so glorreiche Laufbahn geöffnet hat. Anton hatte auf verschiedenen hohen Schulen die Talente ausgebildet, womit ihn die Natur so verschwenderisch ausgestattet hatte, und beides gab ihm einen Verzug vor seinem Vater. Bald zeigte er, daß er sich durch eigene Kraft auf dem Platze behaupten konnte, worauf ihn fremde Verdienste gestellt hatten. Er war vierundzwanzig Jahre alt, als ihn der Kaiser als seinen Bevollmächtigten auf die Kirchenversammlung zu Trident schickte, und hier ließ er die Erstlinge seiner Beredsamkeit hören, die ihm in der Folge eine so große Obergewalt über zwei Könige gab. Karl bediente sich seiner noch bei verschiedenen schweren Gesandtschaften, die er mit dem größten Beifall seines Monarchen beendigte, und als endlich dieser Kaiser seinem Sohne das Scepter überließ, machte er dieses kostbare Geschenk mit einem Minister vollkommen, der es ihm führen half.Granvella eröffnete seine neue Laufbahn gleich mit dem größten Meisterstück seines politischen Genies, von der Gnade eines solchen Vaters in die Gunst eines solchen Sohnes so leicht hinüberzugleiten. Bald gelang es ihm, sie in der That zu verdienen. Bei der geheimen Unterhandlung, welche die Herzogin von Lothringen 1558 zwischen den französischen und spanischen Ministern in Peronne vermittelt hatte, entwarf er mit dem Cardinal von Lothringen die Verschwörung gegen die Protestanten, welche nachher zu Chateau-Cambresis, wo auch er an dem Friedensgeschäfte mitarbeitete, zur Reife gebracht, aber eben dort auch verrathen wurde.
Ein tiefdringender, vielumfassender Verstand, eine seltne Leichtigkeit in verwickelten großen Geschäften, die ausgebreitetste Gelehrsamkeit war mit lasttragendem Fleiße und nie ermüdender Geduld, das unternehmendste Genie mit dem bedächtlichsten Maschinengang in diesem Manne wunderbar vereinigt. Tage und Nächte, schlaflos und nüchtern, fand ihn der Staat; Wichtiges und Geringes wurde mit gleich gewissenhafter Sorgfalt von ihm gewogen. Nicht selten beschäftigte er fünf Sekretäre zugleich und in verschiedenen Sprachen, deren er sieben geredet haben soll. Was eine prüfende Vernunft langsam zur Reife gebracht hatte, gewann Kraft und Anmuth in seinem Munde, und die Wahrheit, von einer mächtigen Suade begleitet, riß gewaltsam alle Hörer dahin. Seine Treue war unbestechlich, weil keine der Leidenschaften, welche Menschen von Menschen abhängig machen, sein Gemüth versuchte. Mit bewundernswürdiger Schärfe des Geistes durchspähte er das Gemüth seines Herrn und erkannte oft in der Miene schon die ganze Gedankenreihe, wie in dem vorangeschickten Schatten die nahende Gestalt. Mit hilfreicher Kunst kam er diesem trägeren Geist entgegen, bildete die rohe Geburt noch auf seinen Lippen zum vollendeten Gedanken und gönnte ihm großmüthig den Ruhm der Erfindung. Die schwere und so nützliche Kunst, seinen eigenen Geist zu verkleinern, sein Genie einem andern leibeigen zu machen, verstand Granvella. So herrschte er, weil er seine Herrschaft verbarg, und nur so konnte Philipp der Zweite beherrscht werden. Zufrieden mit einer stillen, aber gründlichen Gewalt, haschte er nicht unersättlich nach neuen Zeichen derselben, die sonst immer das wünschenswürdigste Ziel kleiner Geister sind; aber jede neue Würde kleidete ihn, als wäre sie nie von ihm geschieden gewesen. Kein Wunder, daß so außerordentliche Eigenschaften ihm die Gunst seines Herrn gewannen; aber ein wichtiges Vermächtniß der politischen Geheimnisse und Erfahrungen, welche Karl der Fünfte in einem thatenvollen Leben gesammelt und in diesem Kopf niedergelegt hatte, machte ihn seinem Thronfolger zugleich unentbehrlich. So selbstzufrieden dieser Letztere auch seiner eigenen Vernunft zu vertrauen pflegte, so nothwendig war es seiner furchtsamen schleichenden Politik, sich an einen überlegenen Geist anzuschmiegen und ihrer eignen Unentschlossenheit durch Ansehen, fremdes Beispiel und Observanz nachzuhelfen. Keine politische Begebenheit und keine Angelegenheit des königlichen Hauses kam, so lange Philipp in den Niederlanden war, ohne Zuziehung Granvellas zu Stande, und als er die Reise nach Spanien antrat, machte er der neuen Statthalterin ein eben so wichtiges Geschenk mit diesem Minister, als ihm selbst von dem Kaiser, seinem Vater, in ihm hinterlassen worden war.
So gewöhnlich wir auch despotische Fürsten ihr Vertrauen in Kreaturen verschenken sehen, die sie aus dem Staube gezogen und deren Schöpfer sie gleichsam sind, so vorzügliche Gaben wurden erfordert, die verschlossene Selbstsucht eines Charakters, wie Philipp war, so weit zu überwinden, daß sie in Vertrauen, ja sogar Vertraulichkeit überging. Das leiseste Aufwallen des erlaubtesten Selbstgefühls, wodurch er sein Eigentumsrecht auf einen Gedanken zurückzufordern geschienen hätte, den der König einmal zu dem seinigen geadelt, hätte dem Minister seinen ganzen Einfluß gekostet. Es war ihm vergönnt, den niedrigen Leidenschaften der Wollust, der Habsucht, der Rachbegierde zu dienen, aber die einzige, die ihn wirklich beseelte, das süße Bewußtsein eigener Ueberlegenheit und Kraft, mußte er sorgfältig vor dem argwöhnischen Blick des Despoten verhüllen. Freiwillig begab er sich aller Vorzüge, die er eigenthümlich besaß, um sie von der Großmuth des Königs zum zweitenmal zu empfangen. Sein Glück durfte aus keiner andern Quelle als dieser fließen, kein anderer Mensch Anspruch auf seine Dankbarkeit haben. Den Purpur, der ihm von Rom aus gesendet war, legte er nicht eher an, als bis die königliche Bewilligung aus Spanien anlangte; indem er ihn an den Stufen des Throns niederlegte, schien er ihn gleichsam erst aus den Händen der Majestät zu erhalten. Weniger Staatsmann, als er, errichtete sich Herzog Alba eine Trophäe in Antwerpen und schrieb unter die Siege, die er als Werkzeug der Krone gewonnen, seinen eigenen Namen – aber Alba nahm die Ungnade seines Herrn mit ins Grab. Er hatte mit frevelnder Hand in das Regale der Krone gegriffen, da er unmittelbar an der Quelle der Unsterblichkeit schöpfte.
Dreimal wechselte Granvella seinen Herrn, und dreimal gelang es ihm, die höchste Gunst zu ersteigen. Mit eben der Leichtigkeit, womit er den gegründeten Stolz eines Selbstherrschers und den spröden Egoismus eines Despoten geleitet hatte, wußte er die zarte Eitelkeit eines Weibes zu handhaben. Seine Geschäfte mit der Regentin wurden mehrentheils, selbst wenn sie in einem Hause beisammen waren, durch Billets abgehandelt, ein Gebrauch, der sich noch aus den Zeiten Augusts und Tibers herschreiben soll. Wenn die Statthalterin ins Gedränge kam, wurden dergleichen Billets zwischen dem Minister und ihr oft von Stunde zu Stunde gewechselt. Wahrscheinlich erwählte er diesen Weg, um die wachsame Eifersucht des Adels zu betrügen, der seinen Einfluß auf die Regentin nicht ganz kennen sollte; vielleicht glaubte er auch, durch dieses Mittel seine Rathschläge für die Letztere dauerhafter zu machen und sich im Nothfall mit diesen schriftlichen Zeugnissen gegen Beschuldigung zu decken. Aber die Wachsamkeit des Adels machte diese Vorsicht umsonst, und bald war es in allen Provinzen bekannt, daß nichts ohne den Minister geschehe.
Granvella besaß alle Eigenschaften eines vollendeten Staatsmannes für Monarchien, die sich dem Despotismus nähern, aber durchaus keine für Republiken, die Könige haben. Zwischen dem Thron und dem Beichtstuhl erzogen, kannte er keine andern Verhältnisse unter Menschen, als Herrschaft und Unterwerfung, und das inwohnende Gefühl seiner eignen Ueberlegenheit gab ihm Menschenverachtung. Seiner Staatskunst fehlte Geschmeidigkeit, die einzige Tugend, die ihr hier unentbehrlich war. Er war hochfahrend und frech und bewaffnete mit der königlichen Vollmacht die natürliche Heftigkeit seiner Gemüthsart und die Leidenschaften seines geistlichen Standes. In das Interesse der Krone hüllte er seinen eigenen Ehrgeiz und machte die Trennung zwischen der Nation und dem König unheilbar, weil er selbst ihm dann unentbehrlich blieb. An dem Adel rächte er seine eigne niedrige Abkunft und würdigte, nach Art aller Derjenigen, die das Glück durch Verdienst gezwungen, die Vorzüge der Geburt unter diejenigen herunter, wodurch er gestiegen war. Die Protestanten kannten ihn als ihren unversöhnlichsten Feind; alle Lasten, welche das Land drückten, wurden ihm Schuld gegeben, und alle drückten desto unleidlicher, weil sie von ihm kamen. Ja, man beschuldigt ihn sogar, daß er die billigern Gesinnungen, die das dringende Anliegen der Staaten dem Monarchen endlich abgelockt hatte, zur Strenge zurückgeführt habe. Die Niederlande verfluchten ihn, als den schrecklichsten Feind ihrer Freiheit und den ersten Urheber alles Elends, welches nachher über sie gekommen ist.
(1559) Offenbar hatte Philipp die Provinzen noch zu zeitig verlassen. Die neuen Maßregeln der Regierung waren diesem Volke noch zu fremd und konnten durch ihn allein Sanktion und Nachdruck erhalten; die neuen Maschinen, die er spielen ließ, mußten durch eine gefürchtete starke Hand in Gang gebracht, ihre ersten Bewegungen zuvor abgewartet und durch Observanz erst gesichert werden. Jetzt stellte er diesen Minister allen Leidenschaften bloß, die auf einmal die Fesseln der königlichen Gegenwart nicht mehr fühlten, und überließ dem schwachen Arm eines Unterthans, woran selbst die Majestät mit ihren mächtigsten Stützen unterliegen konnte.
Zwar blühete das Land, und ein allgemeiner Wohlstand schien von dem Glück des Friedens zu zeugen, dessen es kürzlich theilhaftig worden war. Die Ruhe des äußern Anblicks täuschte das Auge, aber sie war nur scheinbar, und in ihrem stillen Schooße loderte die gefährlichste Zwietracht. Wenn die Religion in einem Lande wankt, so wankt sie nicht allein; mit dem Heiligen hatte der Muthwille angefangen und endigte mit dem Profanen. Der gelungene Angriff auf die Hierarchie hatte eine Keckheit und Lüsternheit erweckt, Autorität überhaupt anzutasten und Gesetze wie Dogmen, Pflichten wie Meinungen zu prüfen. Dieser fanatische Muth, den man in Angelegenheiten der Ewigkeit üben gelernt, konnte seinen Gegenstand wechseln; diese Geringschätzung des Lebens und Eigenthums furchtsame Bürger in tollkühne Empörer verwandeln. Eine beinahe vierzig Jahre lange weibliche Regierung hatte der Nation Raum gegeben, ihre Freiheiten geltend zu machen; anhaltende Kriege, welche die Niederlande zu ihrem Schauplatz machten, hatten eine gewisse Licenz eingeführt und das Recht der Stärkern an die Stelle der bürgerlichen Ordnung gerufen. Die Provinzen waren von fremden Abenteurern und Flüchtlingen angefüllt, lauter Menschen, die kein Vaterland, keine Familie, kein Eigenthum mehr band, und die noch den Samen des Aufruhrs aus ihrer unglücklichen Heimath herüberbrachten. Die wiederholten Schauspiele der Marter und des Todes hatten die zarten Fäden der Sittlichkeit zerrissen und dem Charakter der Nation eine unnatürliche Härte gegeben.
Dennoch würde die Empörung nur schüchtern und still am Boden gekrochen sein, hätte sie an dem Adel nicht eine Stütze gefunden, woran sie furchtbar emporstieg. Karl der Fünfte hatte die niederländischen Großen verwöhnt, da er sie zu Teilhabern seines Ruhms machte, ihren Nationalstolz durch den parteiischen Vorzug nährte, den er ihnen vor dem castilianischen Adel gab, und ihrem Ehrgeize in allen Theilen seines Reichs einen Schauplatz aufschloß. Im letztern französischen Kriege hatten sie um seinen Sohn diesen Vorzug wirklich verdient; die Vortheile, die der König aus dem Frieden von Chateau-Cambresis erntete, waren größtenteils Werke ihrer Tapferkeit gewesen, und jetzt vermißten sie mit Empfindlichkeit den Dank, worauf sie so zuversichtlich gerechnet hatten. Es kam dazu, daß durch den Abgang des deutschen Kaisertums von der spanischen Monarchie und den minder kriegerischen Geist der neuen Regierung ihr Wirkungskreis überhaupt verkleinert und außer ihrem Vaterland wenig mehr für sie zu gewinnen war. Philipp stellte jetzt seine Spanier an, wo Karl der Fünfte Niederländer gebraucht hatte. Alle jene Leidenschaften, welche die vorhergehende Regierung bei ihnen erweckt und beschäftigt hatte, brachten sie jetzt in den Frieden mit; und diese zügellosen Triebe, denen ihr rechtmäßiger Gegenstand fehlte, fanden unglücklicherweise in den Beschwerden des Vaterlands einen andern. Jetzt zogen sie die Ansprüche wieder aus der Vergessenheit hervor, die auf eine Zeitlang von neueren Leidenschaften verdrängt worden waren. Bei der letzten Stellenbesetzung hatte der König beinahe lauter Mißvergnügte gemacht; denn auch Diejenigen, welche Aemter bekamen, waren nicht viel zufriedener, als Die, welche man ganz überging, weil sie auf bessere gerechnet hatten. Wilhelm von Oranien erhielt vier Statthalterschaften, andere kleinere nicht einmal gerechnet, die zusammengenommen den Werth einer fünften betrugen; aber Wilhelm hatte sich auf Brabant und Flandern Hoffnung gemacht. Er und Graf Egmont vergaßen, was ihnen wirklich zu Theil geworden, und erinnerten sich nur, daß die Regentschaft für sie verloren gegangen war. Der größte Theil des Adels hatte sich in Schulden gestürzt, oder von der Regierung dazu hinreißen lassen. Jetzt, da ihnen die Aussicht verschlossen wurde, sich in einträglichen Aemtern wieder zu erholen, sahen sie sich auf einmal dem Mangel bloßgestellt, der um so empfindlicher schmerzte, je mehr ihn die glänzende Lebensart des wohlhabenden Bürgers ins Licht stellte. In dem Extreme, wohin es mit ihnen gekommen war, hätten Viele zu einem Verbrechen selbst die Hände geboten; wie sollten sie also den verführerischen Anerbietungen der Calvinisten haben Trotz bieten können, die ihre Fürsprache und ihren Schutz mit schweren Summen bezahlten. Viele endlich, denen nicht mehr zu helfen war, fanden ihre letzte Zuflucht in der allgemeinen Verwüstung und stunden jeden Augenblick fertig, den Feuerbrand in die Republik zu werfen.
Diese gefährliche Stellung der Gemüther wurde noch mehr durch die unglückliche Nachbarschaft Frankreichs verschlimmert. Was Philipp für die Provinzen zu fürchten hatte, war dort bereits in Erfüllung gegangen. In dem Schicksale dieses Reichs konnte er das Schicksal seiner Niederlande vorbildlich angekündigt lesen, und der Geist des Aufruhrs konnte dort ein verführerisches Muster finden. Aehnliche Zufälle bauten unter Franz dem Ersten und Heinrich dem Andern den Samen der Neuerung in dieses Königreich gestreut; eine ähnliche Raserei der Verfolgung und ein ähnlicher Geist der Faktion hatte sein Wachsthum befördert. Jetzt rangen Hugenotten und Katholiken in gleich zweifelhaftem Kampf, wüthende Parteien trieben die ganze Monarchie aus ihren Fugen und führten diesen mächtigen Staat gewaltsam an den Rand seines Untergangs. Hier wie dort konnten sich Eigennutz, Herrschsucht und Parteigeist in Religion und Vaterland hüllen und die Leidenschaften weniger Bürger die vereinigte Nation bewaffnen. Die Grenze beider Länder zerfließt im wallonischen Flandern; der Aufruhr kann, wie ein gehobenes Meer, bis hieher seine Wellen werfen – wird ihm ein Land den Uebergang versagen, dessen Sprache, Sitten und Charakter zwischen Gallien und Belgien wanken? Noch hat die Regierung keine Musterung ihrer protestantischen Unterthanen in diesen Ländern gehalten – aber die neue Sekte, weiß sie, ist eine zusammenhängende ungeheure Republik, die durch alle Monarchien der Christenheit ihre Wurzeln breitet und die leiseste Erschütterung in allen Theilen gegenwärtig fühlt. Es sind drohende Vulkane, die, durch unterirdische Gänge verbunden, in furchtbarer Sympathie zu gleicher Zeit sich entzünden. Die Niederlande mußten allen Völkern geöffnet sein, weil sie von allen Völkern lebten. Konnte er einen handeltreibenden Staat so leicht wie sein Spanien schließen? Wenn er diese Provinzen von dem Irrglauben reinigen wollte, so mußte er damit anfangen, ihn in Frankreich zu vertilgen.
So fand Granvella die Niederlande beim Antritt seiner Verwaltung (1560).
Die Einförmigkeit des Papstthums in diese Länder zurückzuführen, die mitherrschende Gewalt des Adels und der Stände zu brechen und auf den Trümmern der republikanischen Freiheit die königliche Macht zu erheben, war die große Angelegenheit der spanischen Politik und der Auftrag des neuen Ministers. Aber diesem Unternehmen standen Hindernisse entgegen, welche zu besiegen neue Hilfsmittel erdacht, neue Maschinen in Bewegung gesetzt werden mußten. Zwar schienen die Inquisition und die Glaubensedikte hinreichend zu sein, der ketzerischen Ansteckung zu wehren; aber diesen fehlte es an Aufsehern und jener an hinlänglichen Werkzeugen ihrer ausgedehnten Gerichtsbarkeit. Noch bestand jene ursprüngliche Kirchenverfassung aus den früheren Zeiten, wo die Provinzen weniger volkreich waren, die Kirche noch einer allgemeinen Ruhe genoß und leichter übersehen werden konnte. Eine Reihe mehrerer Jahrhunderte, welche die ganze innere Gestalt der Provinzen verwandelte, hatte diese Form der Hierarchie unverändert gelassen, welche außerdem durch die besondern Privilegien der Provinzen vor der Willkür ihrer Beherrscher geschützt war. Alle siebenzehn Provinzen waren unter vier Bischöfe verteilt, welche zu Arras, Tournay, Cambray und Utrecht ihren Sitz hatten und den Erzstiftern von Rheims und Köln untergeben waren. Zwar hatte schon Philipp der Gütige, Herzog von Burgund, bei zunehmender Bevölkerung dieser Länder, auf eine Erweiterung der Hierarchie gedacht, diesen Entwurf aber im Rausch seines üppigen Lebens wieder verloren. Karln den Kühnen entzogen Ehrgeiz und Eroberungssucht den innern Angelegenheiten seiner Länder, und Maximilian hatte schon zu viele Kämpfe mit den Ständen, um auch noch diesen zu wagen. Eine stürmische Regierung untersagte Karln dem Fünften die Ausführung dieses weitläufigen Planes, welchen nunmehr Philipp der Zweite als ein Vermächtniß aller dieser Fürsten übernahm. Jetzt war der Zeitpunkt erschienen, wo die dringende Noth der Kirche diese Neuerung entschuldigen und die Muße des Friedens ihre Ausführung begünstigen konnte. Mit der ungeheuern Volksmenge, die sich aus allen Gegenden Europens in den niederländischen Städten zusammendrängte, war eine Verwirrung der Religionen und Meinungen entstanden, die von so wenigen Augen unmöglich mehr beleuchtet werden konnte. Weil die Zahl der Bischöfe so gering war, so mußten sich ihre Distrikte nothwendig viel zu weit erstrecken, und vier Menschen konnten der Glaubensreinigung durch ein so weites Gebiet nicht gewachsen sein.
Die Gerichtsbarkeit, welche die Erzbischöfe von Köln und Rheims in den Niederlanden ausübten, war schon längst ein Anstoß für die Regierung gewesen, die dieses Reich noch nicht als ihr Eigenthum ansehen konnte, so lange der wichtigste Zweig der Gewalt noch in fremden Händen war. Ihnen diesen zu entreißen, die Glaubensuntersuchungen durch neue thätige Werkzeuge zu beleben und zugleich die Zahl ihrer Anhänger auf dem Reichstage zu verstärken, war kein besseres Mittel, als die Bischöfe zu vermehren. Mit diesem Entwurf stieg Philipp der Zweite auf den Thron; aber eine Neuerung in der Hierarchie mußte den heftigsten Widerspruch bei den Staaten finden, ohne welche sie jedoch nicht vorgenommen werden durfte. Nimmermehr, konnte er voraussehen, würde der Adel eine Stiftung genehmigen, durch welche die königliche Partei einen so starken Zuwachs bekam und ihm selbst das Uebergewicht auf dem Reichstag genommen wurde. Die Einkünfte, wovon diese neuen Bischöfe leben sollten, mußten den Aebten und Mönchen entrissen werden, und diese machten einen ansehnlichen Theil der Reichsstände aus. Nicht zu rechnen, daß er alle Protestanten zu fürchten hatte, die nicht ermangelt haben würden, auf dem Reichstag verborgen gegen ihn zu wirken. Die ganze Angelegenheit wurde in Rom auf das heimlichste betrieben. Franz Sonnoi, ein Priester aus der Stadt Löwen, Granvellas unterrichtete Kreatur, tritt vor Paul den Vierten und berichtet ihm, wie ausgedehnt diese Lande seien, wie gesegnet und menschenreich, wie üppig in ihrer Glückseligkeit. Aber, fährt er fort, im unmäßigen Genuß der Freiheit wird der wahre Glaube vernachlässigt, und die Ketzer kommen auf. Diesem Uebel zu steuern, muß der römische Stuhl etwas Außerordentliches thun. Es fällt nicht schwer, den römischen Bischof zu einer Neuerung zu vermögen, die den Kreis seiner eigenen Gerichtsbarkeit erweitert. Paul der Vierte setzt ein Gericht von sieben Cardinälen nieder, die über diese wichtige Angelegenheit berathschlagen müssen; das Geschäft, wovon der Tod ihn abfordert, vollendet sein Nachfolger Pius der Vierte. Die willkommene Botschaft erreicht den König noch in Seeland, ehe er nach Spanien unter Segel geht, und der Minister wird in der Stille mit der gefährlichen Vollstreckung belastet. Die neue Hierarchie wird bekannt gemacht (1560); zu den bisherigen vier Bisthümern sind dreizehn neue errichtet, nach den siebenzehn Provinzen des Landes, und viere derselben zu Erzstiften erhoben. Sechs solcher bischöflichen Sitze, in Antwerpen nämlich, Herzogenbusch, Gent, Brügge, Ypern und Rüremonde, stehen unter dem Erzstift zu Mecheln; fünf andere, Haarlem, Middelburg, Leeuwarden, Deventer und Gröningen, unter dem Erzstift von Utrecht; und die vier übrigen, Arras, Tournay, St. Omer und Namur, die Frankreich näher liegen, und Sprache, Charakter und Sitten mit diesem Lande gemein haben, unter dem Erzstifte Cambray. Mecheln in der Mitte Brabants und aller siebenzehn Provinzen gelegen, ist das Primat aller übrigen und nebst mehreren reichen Abteien, Granvellas Belohnung. Die Einkünfte der neuen Bisthümer werden aus den Schätzen der Klöster und Abteien genommen, welche fromme Wohlthätigkeit seit Jahrhunderten hier aufgehäuft hat. Einige aus den Aebten selbst erlangen die bischöfliche Würde, die mit dem Besitz ihrer Klöster und Prälaturen auch die Stimme auf dem Reichstag beibehalten, die an jene geheftet ist. Mit jedem Bisthum sind zugleich neun Präbenden verbunden, welche den geschicktesten Rechtsgelehrten und Theologen verliehen werden, um die Inquisition und den Bischof in ihrem geistlichen Amt zu unterstützen. Zwei aus diesen, die sich durch Kenntnisse, Erfahrung und unbescholtenen Wandel dieses Vorzugs am würdigsten gemacht, sind wirkliche Inquisitoren und haben die erste Stimme in den Versammlungen. Dem Erzbischof von Mecheln, als Metropolitan aller siebenzehn Provinzen, ist die Vollmacht gegeben, Erzbischöfe und Bischöfe nach Willkür ein- oder abzusetzen, und der römische Stuhl gibt nur die Genehmigung.
Zu jeder anderen Zeit würde die Nation eine solche Verbesserung des Kirchenwesens mit dankbarem Beifall ausgenommen haben, da sie hinreichend durch die Notwendigkeit entschuldigt, der Religion beförderlich und zur Sittenverbesserung der Mönche ganz unentbehrlich war. Jetzt gaben ihr die Verhältnisse der Zeit die verhaßteste Gestalt. Allgemein ist der Unwille, womit sie empfangen wird. Die Constitution, schreit man, ist unter die Füße getreten, die Rechte der Nation sind verletzt, die Inquisition ist vor den Thoren, die ihren blutigen Gerichtshof von jetzt an hier, wie in Spanien, eröffnen wird; mit Schaudern betrachtet das Volk diese neuen Diener der Willkür und der Verfolgung. Der Adel sieht die monarchische Gewalt in der Staatenversammlung durch vierzehn mächtige Stimmen verstärkt und die festeste Stütze der Nationalfreiheit, das Gleichgewicht der königlichen und bürgerlichen Macht, aufgehoben. Die alten Bischöfe beklagen sich über Verminderung ihrer Güter und Einschränkung ihrer Distrikte; die Aebte und Mönche haben Macht und Einkünfte zugleich verloren und dafür strenge Aufseher ihrer Sitten erhalten. Adel und Volk, Laien und Priester treten gegen diese gemeinschaftlichen Feinde zusammen, und indem alles für einen kleinen Eigennutz kämpft, scheint eine furchtbare Stimme des Patriotismus zu schallen.
Unter allen Provinzen widersetzt sich Brabant am lautesten. Die Unverletzlichkeit seiner Kirchenverfassung ist der wichtigen Vorrechte eines, die es sich in dem merkwürdigen Freiheitsbrief des fröhlichen Einzugs vorbehalten – Statuten, die der Souverän nicht verletzen kann, ohne die Nation ihres Gehorsams gegen ihn zu entbinden. Umsonst behauptete die hohe Schule zu Löwen selbst, daß in den stürmischen Zeiten der Kirche ein Privilegium seine Kraft verliere, das in ihren ruhigen Perioden verliehen worden sei. Durch Einführung der neuen Bisthümer ward das ganze Gebäude ihrer Freiheit erschüttert. Die Prälaturen, welche jetzt zu den Bischöfen übergingen, mußten von nun an einer andern Regel dienen, als dem Nutzen der Provinz, deren Stände sie waren. Aus freien patriotischen Bürgern wurden jetzt Werkzeuge des römischen Stuhls und folgsame Maschinen des Erzbischofs, der ihnen noch überdies als erster Prälat von Brabant besonders zu gebieten hatte. Die Freiheit der Stimmengebung war dahin, weil sich die Bischöfe, als dienstbare Auflaurer der Krone, Jedem fürchterlich machten. »Wer,« hieß es, »wird es künftighin wagen, vor solchen Aufsehern die Stimme im Parlament zu erheben, oder die Rechte der Nation in ihrem Beisein gegen die räuberischen Griffe der Regierung in Schutz zu nehmen? Sie werden die Hilfsquellen der Provinzen ausspüren und die Geheimnisse unsrer Freiheit und unsers Eigenthums an die Krone verrathen. Den Weg zu allen Ehrenämtern werden sie sperren; bald werden wir ihnen seine Höflinge folgen sehen; die Kinder der Ausländer werden künftig das Parlament besetzen, und der Eigennutz ihrer Gönner wird ihre gedungenen Stimmen leiten.« »Welche Gewalttätigkeit,« fuhren die Mönche fort, »die heiligen Stiftungen der Andacht umzukehren, den unverletzlichen Willen der Sterbenden zu verhöhnen und, was fromme Mildthätigkeit in diesen Archiven für die Unglücklichen niederlegte, der Ueppigkeit dieser Bischöfe dienen zu lassen und mit dem Raube der Armuth ihren stolzen Pomp zu verherrlichen?« Nicht die Aebte und Mönche allein, welche das Unglück wirklich traf, durch diese Schmälerung zu leiden, alle Familien, welche bis zu den entferntesten Generationen hinunter mit irgend einem Scheine von Hoffnung sich schmeicheln konnten, dasselbe Benefiz dereinst zu genießen, empfanden diesen Verlust ihrer Hoffnung, als wenn sie ihn wirklich erlitten hätten, und der Schmerz einiger Prälaten wurde die Angelegenheit ganzer Geschlechter.
In diesem allgemeinen Tumulte haben uns die Geschichtschreiber den leisen Gang Wilhelms von Oranien wahrnehmen lassen, der diese durcheinanderstürmenden Leidenschaften einem Ziele entgegenzuführen bemüht ist. Auf sein Anstiften geschah es, daß die Brabanter sich von der Regentin einen Wortführer und Beschützer erbaten, weil sie allein unter allen übrigen niederländischen Unterthanen das Unglück hätten, in einer und eben der Person ihren Sachwalter und ihren Herrn zu vereinigen. Ihre Wahl konnte auf keinen Andern als den Prinzen von Oranien fallen. Aber Granvella zerriß diese Schlinge durch seine Besonnenheit. »Wer dieses Amt erhält,« ließ er sich im Staatsrath verlauten, »wird hoffentlich einsehen, daß er Brabant mit dem König von Spanien theilt.« Das lange Ausbleiben der päpstlichen Diplome, die eine Irrung zwischen dem römischen und spanischen Hof in Rom verzögerte, gab den Mißvergnügten Raum, sich zu einem Zweck zu vereinigen. Ganz ingeheim fertigten die Staaten von Brabant einen außerordentlichen Botschafter an Pius den Vierten ab, ihr Gesuch in Rom selbst zu betreiben. Der Gesandte wurde mit wichtigen Empfehlungsschreiben von dem Prinzen von Oranien versehen und bekam ansehnliche Summen mit, sich zu dem Vater der Kirche die Wege zu bahnen. Zugleich ging von der Stadt Antwerpen ein öffentlicher Brief an den König nach Spanien ab, worin ihm die dringendsten Vorstellungen geschahen, diese blühende Handelsstadt mit dieser Neuerung zu verschonen. Sie erkennen, hieß es darin, daß die Absicht des Monarchen die beste und die Einsetzung der neuen Bischöfe zu Aufrechthaltung der wahren Religion sehr ersprießlich sei; davon aber könne man die Ausländer nicht überzeugen, von denen doch der Flor ihrer Stadt abhinge. Hier seien die grundlosesten Gerüchte ebenso gefährlich, als die wahrhaftesten. Die erste Gesandtschaft wurde von der Regentin noch zeitig genug entdeckt und vereitelt; auf die zweite erhielt die Stadt Antwerpen so viel, daß sie bis zur persönlichen Ueberkunft des Königs, wie es hieß, mit ihrem Bischofe verschont bleiben sollte.
Antwerpens Beispiel und Glück gab allen übrigen Städten, denen ein Bischof zugedacht war, die Losung zum Widerspruch. Es ist ein merkwürdiger Beweis, wie weit damals der Haß gegen die Inquisition und die Eintracht der niederländischen Städte gegangen ist, daß sie lieber auf alle Vortheile Verzicht thun wollten, die der Sitz eines Bischofs auf ihr inneres Gewerbe nothwendig verbreiten mußte, als jenes verhaßte Gericht durch ihre Beistimmung befördern und dem Vortheil des Ganzen zuwider handeln. Deventer, Rüremonde und Leeuwarden setzten sich standhaft entgegen und drangen (1561) auch glücklich durch; den übrigen Städten wurden die Bischöfe, alles Widerspruchs ungeachtet, mit Gewalt aufgedrungen. Utrecht, Haarlem, St. Omer und Middelburg sind von den ersten, welche ihnen die Thore öffneten; ihrem Beispiele folgten die übrigen Städte; aber in Mecheln und Herzogenbusch wird den Bischöfen mit sehr wenig Achtung begegnet. Als Granvella in ersterer Stadt seinen festlichen Einzug hielt, erschien auch nicht ein einziger Edler, und seinem Triumph mangelte alles, weil Diejenigen ausblieben, über die er gehalten wurde.
Unterdessen war auch der bestimmte Termin verflossen, auf welchen die spanischen Truppen das Land räumen sollten, und noch war kein Anschein zu ihrer Entfernung. Mit Schrecken entdeckte man die wahre Ursache dieser Verzögerung, und der Argwohn brachte sie mit der Inquisition in eine unglückliche Verbindung. Der längere Aufenthalt dieser Truppen erschwerte dem Minister alle übrigen Neuerungen, weil er die Nation wachsam und mißtrauisch machte; und doch wollte er sich nicht gern dieses mächtigen Beistands berauben, der ihm in einem Lande, wo ihn alles haßte, und bei einem Auftrag, wo ihm alles widersprach, unentbehrlich schien. Endlich aber sah sich die Regentin durch das allgemeine Murren gezwungen, bei dem König ernstlich auf die Zurücknahme dieser Truppen zu dringen. Die Provinzen, schreibt sie nach Madrid, haben sich einmüthig erklärt, daß man sie nimmermehr dazu vermögen würde, der Regierung die verlangten außerordentlichen Steuern zu bewilligen, so lange man ihnen hierin nicht Wort hielte. Die Gefahr eines Aufstandes wäre bei weitem dringender als eines Ueberfalls der französischen Protestanten, und wenn in den Niederlanden eine Empörung entstünde, so wären diese Trnppen doch zu schwach, ihr Einhalt zu thun, und im Schatze nicht Geld genug, um neue zu werben. Noch suchte der König durch Verzögerung seiner Antwort wenigstens Zeit zu gewinnen, und die wiederholten Vorstellungen der Regentin würden noch fruchtlos geblieben sein, wenn nicht, zum Glück der Provinzen, ein Verlust, den er kürzlich von den Türken erlitten, ihn genöthigt hätte, diese Truppen im mittelländischen Meere zu brauchen. Er willigte also endlich in ihre Abreise; sie wurden in Seeland eingeschifft (1561), und das Jubelgeschrei aller Provinzen begleitete ihre Segel.
Unterdessen herrschte Granvella beinahe unumschränkt in dem Staatsrath. Alle Aemter, weltliche und geistliche, wurden durch ihn vergeben; sein Gutachten galt gegen die vereinigte Stimme der ganzen Versammlung. Die Statthalterin selbst stand unter seinen Gesetzen. Er hatte es einzurichten gewußt, daß ihre Bestallung nur auf zwei Jahre ausgefertigt wurde, durch welchen Kunstgriff er sie immer in seiner Gewalt behielt. Selten geschah es, daß man den übrigen Mitgliedern eine Angelegenheit von Belang zur Beratschlagung vorlegte, und wenn es ja einmal vorkam, so waren es längst schon beschlossene Dinge, wozu man höchstens nur die unnütze Formalität ihrer Genehmigung verlangte. Wurde ein königlicher Brief abgelesen, so hatte Viglius Befehl, diejenigen Stellen hinwegzulassen, welche ihm der Minister unterstrichen hatte. Es geschah nämlich öfters, daß diese Briefwechsel nach Spanien die Blöße des Staats oder die Besorgnisse der Statthalters sichtbar machten, wovon man Mitglieder nicht gern unterrichten wollte, in deren Treue ein Mißtrauen zu setzen war. Trug es sich zu, daß die Parteien dem Minister überlegen wurden und mit Nachdruck auf einem Artikel bestanden, den er nicht wohl mehr abweisen konnte, so schickte er ihn in das Ministerium zu Madrid zur Entscheidung, wodurch er wenigstens Zeit gewann und sicher war, Unterstützung zu finden. Den Grafen Barlaimont, den Präsidenten Viglius und wenige Andere ausgenommen, waren alle übrigen Staatsräthe entbehrliche Figuranten im Senat, und sein Betragen gegen sie richtete sich nach dem geringen Werth, den er auf ihre Freundschaft und Ergebenheit legte. Kein Wunder, daß Menschen, deren Stolz durch die schmeichelhaftesten Aufmerksamkeiten souveräner Fürsten so äußerst verzärtelt war, und denen die ehrfurchtsvolle Ergebenheit ihrer Mitbürger als Göttern des Vaterlandes opferte, diesen Trotz eines Plebejers mit dem tiefsten Unwillen empfanden. Viele unter ihnen hatte Granvella persönlich beleidigt. Dem Prinzen von Oranien war es nicht unbekannt, daß er seine Heirath mit der Prinzessin von Lothringen hintertrieben und eine andere Verbindung mit der Prinzessin von Sachsen rückgängig zu machen gesucht hatte. Dem Grafen von Hoorn hatte er die Statthalterschaft über Gelder und Zütphen entzogen und eine Abtei, um die sich der Graf von Egmont für einen Verwandten bemühte, für sich behalten. Seiner Ueberlegenheit gewiß, hielt er es der Mühe nicht einmal werth, dem Adel die Geringschätzung zu verbergen, welche die Richtschnur seiner ganzen Verwaltung war; Wilhelm von Oranien war der Einzige, den er seiner Verstellung noch würdigte. Wenn er sich auch wirklich über alle Gesetze der Furcht und des Anstandes hinweggerückt glaubte, so hinterging ihn hier dennoch sein zuversichtlicher Stolz, und er fehlte gegen die Staatskunst nicht weniger, als er gegen die Bescheidenheit sündigte. Schwerlich konnte bei damaliger Stellung der Dinge eine schlimmere Maßregel von der Regierung beobachtet werden, als diejenige war, den Adel hintanzusetzen. Es stand bei ihr, seinen Neigungen zu schmeicheln, ihn hinterlistig und unwissend für ihren Plan zu gewinnen und die Freiheit der Nation durch ihn selbst unterdrücken zu lassen. Jetzt erinnerte sie ihn, sehr zur Unzeit, an seine Pflichten, seine Würde und seine Kraft, nöthigte ihn selbst, Patriot zu sein und einen Ehrgeiz, den sie unüberlegt abwies, auf die Seite der wahren Größe zu schlagen. Die Glaubensverordnungen durchzusetzen, hatte sie den thätigsten Beistand der Statthalter nöthig; kein Wunder aber, daß diese wenig Eifer bewiesen, ihr diesen Beistand zu leisten. Vielmehr ist es höchst wahrscheinlich, daß sie in der Stille daran arbeiteten, die Hindernisse des Ministers zu häufen und seine Maßregeln umzukehren, um durch sein schlimmes Glück das Vertrauen des Königs zu widerlegen und seine Verwaltung dem Spott preiszugeben. Offenbar sind der Lauigkeit ihres Eifers die schnellen Fortschritte zuzuschreiben, welche die Reformation, trotz jener schrecklichen Edikte, während seiner Regentschaft in den Niederlanden gemacht hat. Des Adels versichert, hätte er die Wuth des Pöbels verachtet, die sich kraftlos an den gefürchteten Schranken des Thrones bricht. Der Schmerz des Bürgers verweilte lange Zeit zwischen Thränen und stillen Seufzern, bis ihn die Künste und das Beispiel der Edeln hervorlockten.
(1561, 1562.) Indessen wurden bei der Menge der neuen Arbeiter die Glaubensuntersuchungen mit neuer Thätigkeit fortgesetzt und den Edikten gegen die Ketzer ein fürchterlicher Gehorsam geleistet. Aber dieses abscheuliche Heilmittel hatte den Zeitpunkt überlebt, wo es anzuwenden sein mochte; für eine so rohe Behandlung war die Nation schon zu edel. Die neue Religion konnte jetzt nicht mehr anders als durch den Tod aller ihrer Bekenner vertilgt werden. Alle diese Hinrichtungen waren jetzt eben so viele verführerische Ausstellungen ihrer Vortrefflichkeit, so viele Schauplätze ihres Triumphs und ihrer strahlenden Tugend. Die Heldengröße, mit der sie starben, nahm für den Glauben ein, für welchen sie starben. Aus einem Ermordeten lebten zehn neue Bekenner wieder auf. Nicht in Städten oder Dörfern allein, auch auf Heerstraßen, auf Schiffen und in Wagen wurde über das Ansehen des Papsts, über die Heiligen, über das Fegfeuer, über den Ablaß gestritten, wurden Predigten gehalten und Menschen bekehrt. Vom Lande und aus Städten stürzte der Pöbel zusammen, die Gefangenen des heiligen Gerichts aus den Händen der Sbirren zu reißen, und die Obrigkeit, die ihr Ansehen mit Gewalt zu behaupten wagte, wurde mit Steinen empfangen. Er begleitete schaarenweis die protestantischen Prediger, denen die Inquisition nachstellte, trug sie auf den Schultern zur Kirche und aus der Kirche und versteckte sie mit Lebensgefahr vor ihren Verfolgern. Die erste Provinz, welche von dem Schwindel des Aufruhrs ergriffen wurde, war, wie man gefürchtet hatte, das wallonische Flandern. Ein französischer Calvinist, Namens Launoi, stand in Tournay als Wunderthäter auf, wo er einige Weiber bezahlte, daß sie Krankheiten vorgeben und sich von ihm heilen lassen sollten. Er predigte in den Wäldern bei der Stadt, zog den Pöbel schaarenweis mit sich dahin und warf den Zunder der Empörung in die Gemüther. Das Nämliche geschah in Lille und Valenciennes, in welcher letztern Stadt sich die Obrigkeit der Apostel bemächtigte. Indessen man aber mit ihrer Hinrichtung zauderte, wuchs ihre Partei zu einer so furchtbaren Anzahl, daß sie stark genug war, die Gefängnisse zu erbrechen und der Justiz ihre Opfer mit Gewalt zu entreißen. Endlich brachte die Regierung Truppen in die Stadt, welche die Ruhe wieder herstellten. Aber dieser unbedeutende Vorfall hatte auf einen Augenblick die Hülle von dem Geheimniß hinweggezogen, in welchem der Anhang der Protestanten bisher verschleiert lag, und den Minister ihre ungeheure Anzahl errathen lassen. In Tournay allein hatte man ihrer fünftausend bei einer solchen Predigt erscheinen sehen, und nicht viel weniger in Valenciennes. Was konnte man nicht von den nordischen Provinzen erwarten, wo die Freiheit größer und die Regierung entlegener war, und wo die Nachbarschaft Deutschlands und Dänemarks die Quellen der Ansteckung vermehrte? Eine so furchtbare Menge hatte ein einziger Wink aus der Verborgenheit gezogen. – Wie viel größer war vielleicht die Zahl Derer, welche sich im Herzen zu der neuen Sekte bekannten und nur einem günstigeren Zeitpunkt entgegen sahen, es laut zu thun?
Diese Entdeckung beunruhigte die Regentin aufs äußerste. Der schlechte Gehorsam gegen die Edikte, das Bedürfniß des erschöpften Schatzes, welches sie nöthigte, neue Steuern auszuschreiben, und die verdächtigen Bewegungen der Hugenotten an der französischen Grenze vermehrten noch ihre Bekümmernisse. Zu gleicher Zeit erhält sie Befehle von Madrid, zweitausend niederländische Reiter zu dem Heere der Königin Mutter in Frankreich stoßen zu lassen, die in dem Bedrängniß des Religionskriegs ihre Zuflucht zu Philipp dem Zweiten genommen hatte. Jede Angelegenheit des Glaubens, welches Land sie auch betraf, war Philipps eigene Angelegenheit. Er fühlte sie so nahe, wie irgend ein Schicksal seines Hauses, und stand in diesem Falle stets bereit, sein Eigenthum fremdem Bedürfnisse aufzuopfern. Wenn es Eigennutz war, was ihn hier leitete, so war er wenigstens königlich und groß, und die kühne Haltung dieser Maxime gewinnt wieder an unsrer Bewunderung, was ihre Verderblichkeit an unsrer Billigung verloren.
Die Statthalterin eröffnet dem Staatsrath den königlichen Willen, wo sie von Seiten des Adels den heftigsten Widerspruch findet. Die Zeit, erklären Graf Egmont und Prinz von Oranien, wäre jetzt sehr übel gewählt, die Niederlande von Truppen zu entblößen, wo vielmehr alles dazu riethe, neue zu werben. Die nahen Bewegungen Frankreichs drohen jeden Augenblick einen Ueberfall, und die innere Gährung der Provinzen fordere jetzt mehr, als jemals, die Regierung zur Wachsamkeit auf. Bis jetzt, sagten sie, haben die deutschen Protestanten dem Kampf ihrer Glaubensbrüder müßig zugesehen; aber werden sie es auch noch dann, wenn wir die Macht ihrer Feinde durch unsern Beistand verstärken? Werden wir nicht gegen uns ihre Rache wecken und ihre Waffen in den Norden der Niederlande rufen? Beinahe der ganze Staatsrath trat dieser Meinung bei; die Vorstellungen waren nachdrücklich und nicht zu widerlegen. Die Statthalterin selbst, wie der Minister, müssen ihre Wahrheit fühlen, und ihr eigner Vortheil scheint ihnen die Vollziehung des königlichen Befehls zu verbieten. Sollten sie durch Entfernung des größten Theils der Armee der Inquisition ihre einzige Stütze nehmen und sich selbst, ohne Beistand, in einem aufrührerischen Lande, der Willkür eines trotzigen Adels wehrlos überliefern? Indem die Regentin, zwischen dem königlichen Willen, dem dringenden Anliegen ihrer Räthe und ihrer eignen Furcht getheilt, nichts Entscheidendes zu beschließen wagt, steht Wilhelm von Oranien auf und bringt in Vorschlag, die Generalstaaten zu versammeln. Dem königlichen Ansehen konnte kein tödlicherer Streich widerfahren, als diese Zuziehung der Nation, eine in dem jetzigen Moment so verführerische Erinnerung an ihre Gewalt und ihre Rechte. Dem Minister entging die Gefahr nicht, die sich über ihm zusammenzog; ein Wink von ihm erinnert die Herzogin, die Beratschlagung abzubrechen und die Sitzung aufzuheben. »Die Regierung,« schreibt er nach Madrid, »kann nicht nachtheiliger gegen sich selbst handeln, als wenn sie zugibt, daß die Stände sich versammeln. Ein solcher Schritt ist zu allen Zeiten mißlich, weil er die Nation in Versuchung führt, die Rechte der Krone zu prüfen und einzuschränken; aber jetzt ist er dreimal verwerflich, jetzt, da der Geist des Aufruhrs schon weit umher sich verbreitet hat, jetzt, wo die Aebte, über den Verlust ihrer Einkünfte aufgebracht, nichts unterlassen werden, das Ansehen der Bischöfe zu verringern; wo der ganze Adel und alle Bevollmächtigten der Städte durch die Künste des Prinzen von Oranien geleitet werden, und die Mißvergnügten auf den Beistand der Nation sicher zu rechnen haben. Diese Vorstellung, der es wenigstens nicht an Bündigkeit gebrach, konnte die erwartete Wirkung auf des Königs Gemüth nicht verfehlen. Die Staatenversammlung wird einmal für immer verworfen, die Strafbefehle wider die Ketzer mit aller Schärfe erneuert und die Statthalterin zu schleuniger Absendung der verlangten Hilfstruppen angehalten.
Aber dazu war der Staatsrath nicht zu bewegen. Alles, was sie erhielt, war, statt der Subsidien, Geld an die Königin Mutter zu schicken, welches ihr in dem jetzigen Zeitpunkt noch willkommener war. Um aber doch wenigstens die Nation mit einem Schattenbilde republikanischer Freiheit zu täuschen, beruft sie die Statthalter der Provinzen und die Ritter des goldenen Vließes zu einer außerordentlichen Versammlung nach Brüssel, um über die gegenwärtigen Gefahren und Bedürfnisse des Staate zu beratschlagen. Nachdem ihnen der Präsident Viglius den Gegenstand ihrer Sitzung eröffnet hat, werden ihnen drei Tage Zeit zur Ueberlegung gegeben. Während dieser Zeit versammelt sie der Prinz von Oranien in seinem Palaste, wo er ihnen die Notwendigkeit vorstellt, sich noch vor der Sitzung zu vereinigen und gemeinschaftlich die Maßregeln zu bestimmen, wornach bei gegenwärtiger Gefahr des Staats gehandelt werden müsse. Viele stimmen diesem Vorschlag bei, nur Barlaimont mit einigen wenigen Anhängern des Cardinals Granvella hatte den Muth, in dieser Gesellschaft zum Vortheile der Krone und des Ministers zu reden. »Ihnen,« erklärte er, »gebühre es nicht, sich in die Sorgen der Regierung zu mengen, und diese Vorhervereinigung der Stimmen sei eine gesetzwidrige, strafbare Anmaßung, deren er sich nicht schuldig machen wolle;« eine Erklärung, welche die ganze Zusammenkunft fruchtlos endigte. Die Statthalterin, durch den Grafen Barlaimont von diesem Vorfall unterrichtet, wußte die Ritter während ihres Aufenthalts in der Stadt so geschickt zu beschäftigen, daß sie zu fernern Verständnissen keine Zeit finden konnten. Indessen wurde mit ihrer Beistimmung doch in dieser Sitzung beschlossen, daß Florenz von Montmorency, Herr von Montigny, eine Reise nach Spanien thun sollte, um den König von dem jetzigen Zustand der Sachen zu unterrichten. Aber die Regentin schickte ihm einen andern geheimen Boten nach Madrid voran, der den König vorläufig mit allem bekannt machte, was bei jener Zusammenkunft zwischen dem Prinzen von Oranien und den Rittern ausgemacht worden war. Dem flämischen Botschafter schmeichelte man in Madrid mit leeren Betheuerungen königlicher Huld und väterlicher Gesinnungen für die Niederlande; der Regenten wird anbefohlen, die geheimen Verbindungen des Adels nach allen Kräften zu hintertreiben und wo möglich Uneinigkeit unter seinen vornehmsten Gliedern zu stiften.
Eifersucht, Privatvortheil und Verschiedenheit der Religion hatte viele von den Großen lange Zeit getrennt; das gemeinschaftliche Schicksal ihrer Zurücksetzung und der Haß gegen den Minister hatte sie wieder verbunden. So lange sich der Graf von Egmont und der Prinz von Oranien um die Oberstatthalterschaft bewarben, konnte es nicht fehlen, daß sie auf den verschiedenen Wegen, welche jeder dazu erwählte, nicht zuweilen gegen einander stießen. Beide hatten einander auf der Bahn des Ruhms und am Throne begegnet; Beide trafen sich wieder in der Republik, wo sie um den nämlichen Preis, die Gunst ihrer Mitbürger, buhlten. So entgegengesetzte Charaktere mußten sich bald von einander entfremden, aber die mächtige Sympathie der Noth näherte sie einander eben so bald wieder. Jeder war dem Andern jetzt unentbehrlich, und das Bedürfniß knüpfte zwischen diesen beiden Männern ein Band, das ihrem Herzen nie gelungen sein würde. Aber auf eben diese Ungleichheit ihrer Gemüther gründete die Regentin ihren Plan; und glückte es ihr, sie zu trennen, so hatte sie zugleich den ganzen niederländischen Adel in zwei Parteien getheilt. Durch Geschenke und kleine Aufmerksamkeiten, womit sie diese Beiden ausschließend beehrte, suchte sie den Neid und das Mißtrauen der Uebrigen gegen sie zu reizen; und indem sie dem Grafen von Egmont vor dem Prinzen von Oranien einen Vorzug zu geben schien, hoffte sie, dem Letztern seine Treue verdächtig zu machen. Es traf sich, daß sie um eben diese Zeit einen außerordentlichen Gesandten nach Frankfurt zur römischen Königswahl schicken mußte; sie erwählte dazu den Herzog von Arschot, den erklärtesten Gegner des Prinzen, um in ihm gleichsam ein Beispiel zu geben, wie glänzend man den Haß gegen den Letztern belohne.
Die Oranische Faktion, anstatt eine Verminderung zu leiden, hatte an dem Grafen von Hoorn einen wichtigen Zuwachs erhalten, der, als Admiral der niederländischen Marine, den König nach Biscaya geleitet hatte und jetzt in den Staatsrath wieder eingetreten war. Hoorns unruhiger republikanischer Geist kam den verwegenen Entwürfen Oraniens und Egmonts entgegen, und bald bildete sich unter diesen drei Freunden ein gefährliches Triumvirat, das die königliche Macht in den Niederlanden erschüttert, aber sich nicht für alle drei gleich geendigt hat.
(1562.) Unterdessen war auch Montigny von seiner Gesandtschaft zurückgekommen und hinterbrachte dem Staatsrath die günstigen Gesinnungen des Monarchen. Aber der Prinz von Oranien hatte durch eigene geheime Kanäle Nachrichten aus Madrid, welche diesem Berichte ganz widersprachen und weit mehr Glauben verdienten. Durch sie erfuhr er all die schlimmen Dienste, welche Granvella ihm und seinen Freunden bei dem König leistete, und die verhaßten Benennungen, womit man dort das Betragen des niederländischen Adels belegte. Es war keine Hilfe vorhanden, so lange der Minister nicht vom Ruder der Regierung vertrieben war, und dieses Unternehmen, so verwegen und abenteuerlich es schien, beschäftigte ihn jetzt ganz. Es wurde zwischen ihm und den beiden Grafen von Hoorn und Egmont beschlossen, im Namen des ganzen Adels einen gemeinschaftlichen Brief an den König aufzusetzen, den Minister förmlich darin zu verklagen und mit Nachdruck auf seine Entfernung zu dringen. Der Herzog von Arschot, dem dieser Vorschlag vom Grafen von Egmont mitgeteilt wird, verwirft ihn mit der stolzen Erklärung, daß er von Egmont und Oranien keine Gesetze anzunehmen gesonnen sei; daß er sich über Granvella nicht zu beschweren habe und es übrigens sehr vermessen finde, dem Könige vorzuschreiben, wie er sich seiner Minister bedienen solle. Eine ähnliche Antwort erhält Oranien von dem Grafen von Aremberg. Entweder hatte der Same des Mißtrauens, den die Regentin unter dem Adel ausgestreut hatte, schon Wurzel geschlagen, oder überwog die Furcht vor der Macht des Ministers den Abscheu vor seiner Verwaltung; genug, der ganze Adel wich zaghaft und unentschlossen vor diesem Antrag zurück. Diese fehlgeschlagene Erwartung schlägt ihren Muth nicht nieder, der Brief wird dennoch geschrieben, und alle Drei unterzeichnen ihn. (1563)
Granvella erscheint darin als der erste Urheber aller Zerrüttungen in den Niederlanden. So lange die höchste Gewalt in so strafbaren Händen sei, wäre es ihnen unmöglich, erklären sie, der Nation und dem König mit Nachdruck zu dienen; alles hingegen würde in die vorige Ruhe zurücktreten, alle Widersetzlichkeit aufhören und das Volk die Regierung wieder lieb gewinnen, sobald es Sr. Majestät gefiele, diesen Mann vom Ruder des Staats zu entfernen. In diesem Falle, setzten sie hinzu, würde es ihnen weder an Einfluß, noch an Eifer fehlen, das Ansehen des Königs und die Reinigkeit des Glaubens, die ihnen nicht minder heilig sei, als dem Cardinal Granvella, in diesen Ländern zu erhalten.
So geheim dieser Brief auch abging, so erhielt doch die Herzogin noch zeitig genug davon Nachricht, um die Wirkung, die er gegen alles Vermuthen auf des Königs Gemüth etwa machen dürfte, durch einen andern zu entkräften, den sie ihm in aller Eile voranschickte. Einige Monate verstrichen, ehe aus Madrid eine Antwort kam. Sie war gelinde, aber unbestimmt. »Der König,« enthielt sie, »wäre nicht gewohnt, seine Minister auf die Anklage ihrer Feinde ungehört zu verdammen. Bloß die natürliche Billigkeit verlange, daß die Ankläger des Cardinals von allgemeinen Beschuldigungen zu einzelnen Beweisen herabstiegen, und wenn sie nicht Lust hätten, dieses schriftlich zu thun, so möge einer aus ihrer Mitte nach Spanien kommen, wo ihm mit aller gebührenden Achtung sollte begegnet werden. Außer diesem Brief, der an alle Drei zugleich gerichtet war, empfing der Graf von Egmont noch ein eignes Handschreiben von dem König, worin der Wunsch geäußert war, von ihm besonders zu erfahren, was in jenem gemeinschaftlichen Briefe nur obenhin berührt worden sei. Auch der Regentin ward auf das pünktlichste vorgeschrieben, was sie allen Dreien zugleich und dem Grafen von Egmont insbesondere zu antworten habe. Der König kannte seine Menschen. Er wußte, wie leicht auf den Grafen von Egmont zu wirken sei, wenn man es mit ihm allein zu thun hätte; darum suchte er ihn nach Madrid zu locken, wo er der leitenden Aufsicht eines höhern Verstandes entzogen war. Indem er ihn durch dieses schmeichelhafte Merkmal seines Vertrauens vor seinen beiden Freunden auszeichnete, machte er die Verhältnisse ungleich, worin alle Drei zu dem Throne standen, wie konnten sie sich aber noch mit gleichem Eifer zu dem nämlichen Zweck vereinigen, wenn ihre Aufforderungen dazu nicht mehr die nämlichen blieben? Diesmal zwar vereitelte Oraniens Wachsamkeit diesen Plan; aber die Folge dieser Geschichte wird zeigen, daß der Same, der hier ausgestreut wurde, nicht ganz verloren gegangen war.
(1563.) Den drei Verbundenen that die Antwort des Königs kein Genüge; sie hatten den Muth, noch einen zweiten Versuch zu wagen. »Es habe sie nicht wenig befremdet,« schrieben sie, »daß Se. Majestät ihre Vorstellungen so weniger Aufmerksamkeit würdig geachtet. Nicht als Ankläger des Ministers, sondern als Räthe Sr. Majestät, deren Pflicht es wäre, ihren Herrn von dem Zustande seiner Staaten zu benachrichtigen, haben sie jenes Schreiben an ihn ergehen lassen. Sie verlangen das Unglück des Ministers nicht, vielmehr sollte es sie freuen, ihn an jedem andern Orte der Welt, als hier in den Niederlanden, zufrieden und glücklich zu wissen. Davon aber seien sie auf das vollkommenste überzeugt, daß sich die allgemeine Ruhe mit der Gegenwart dieses Mannes durchaus nicht vertrage. Der jetzige gefahrvolle Zustand ihres Vaterlandes erlaube Keinem unter ihnen, es zu verlassen und um Granvellas willen eine weite Reise nach Spanien zu thun. Wenn es also Sr. Majestät nicht gefiele, ihrer schriftlichen Bitte zu willfahren, so hofften sie in Zukunft damit verschont zu sein, dem Senat beizuwohnen, wo sie sich nur dem Verdrusse aussetzten, den Minister zu treffen, wo sie weder dem König noch dem Staat etwas nützten, sich selbst aber nur verächtlich erschienen. Schließlich baten sie, Se. Maj. möchte ihnen die ungeschmückte Einfalt zu gute halten, weil Leute ihrer Art mehr Werth darein setzten, gut zu handeln, als schön zu reden. Dasselbe enthielt auch ein besonderer Brief des Grafen Egmont, worin er für das königliche Handschreiben dankte. Auf dieses zweite Schreiben erfolgte die Antwort, »man werde ihre Vorstellungen in Ueberlegung nehmen; indessen ersuche man sie, den Staatsrath, wie bisher, zu besuchen.«
Es war augenscheinlich, daß der Monarch weit davon entfernt war, ihr Gesuch stattfinden zu lassen; darum blieben sie von nun an aus dem Staatsrath weg und verließen sogar Brüssel. Den Minister gesetzmäßig zu entfernen, war ihnen nicht gelungen; sie versuchten es auf eine neue Art, wovon mehr zu erwarten war. Bei jeder Gelegenheit bewiesen sie und ihr Anhang ihm öffentlich die Verachtung, von welcher sie sich durchdrungen fühlten, und wußten allem, was er unternahm, den Anstrich des Lächerlichen zu geben. Durch diese niedrige Behandlung hofften sie den Hochmuth dieses Priesters zu martern und von seiner gekränkten Eigenliebe vielleicht zu erhalten, was ihnen auf andern Wegen fehlgeschlagen war. Diese Absicht erreichten sie zwar nicht, aber das Mittel, worauf sie gefallen waren, führte endlich doch den Minister zum Sturze.
Die Stimme des Volks hatte sich lauter gegen diesen erhoben, sobald es gewahr worden war, daß er die gute Meinung des Adels verscherzt hatte, und daß Männer, denen es blindlings nachzubeten pflegte, ihm in der Verabscheuung dieses Ministers vorangingen. Das herabwürdigende Betragen des Adels gegen ihn weihte ihn jetzt gleichsam der allgemeinen Verachtung und bevollmächtigte die Verleumdung, die auch das Heilige nicht schont, Hand an seine Ehre zu legen. Die neue Kirchenverfassung, die große Klage der Nation, hatte sein Glück gegründet – dies war ein Verbrechen, das nicht verziehen werden konnte. Jedes neue Schauspiel der Hinrichtung, womit die Geschäftigkeit der Inquisitoren nur allzu freigebig war, erhielt den Abscheu gegen ihn in schrecklicher Uebung, und endlich schrieben Herkommen und Gewohnheit zu jedem Drangsale seinen Namen. Fremdling in einem Lande, dem er gewaltthätig aufgedrungen worden, unter Millionen Feinden allein, aller seiner Werkzeuge ungewiß, von der entlegenen Majestät nur mit schwachem Arme gehalten, mit der Nation, die er gewinnen sollte, durch lauter treulose Glieder verbunden, lauter Menschen, deren höchster Gewinn es war, seine Handlungen zu verfälschen, einem Weibe endlich an die Seite gesetzt, das die Last des allgemeinen Fluchs nicht mit ihm theilen konnte, – so stand er, bloßgestellt dem Muthwillen, dem Undank, der Parteisucht, dem Neide und allen Leidenschaften eines zügellosen, aufgelösten Volks. Es ist merkwürdig, daß der Haß, den er auf sich lud, die Verschuldungen weit überschreitet, die man ihm zur Last legen konnte, daß es seinen Anklägern schwer, ja unmöglich fiel, durch einzelne Beweisgründe den Verdammungsspruch zu rechtfertigen, den sie im Allgemeinen über ihn fällten. Vor und nach ihm riß der Fanatismus seine Schlachtopfer zum Altar, vor und nach ihm floß Bürgerblut, wurden Menschenrechte verspottet und Elende gemacht. Unter Karln dem Fünften hätte die Tyrannei durch ihre Neuheit empfindlicher schmerzen sollen – unter dem Herzog von Alba wurde sie zu einem weit unnatürlicheren Grade getrieben, daß Granvellas Verwaltung gegen die seines Nachfolgers noch barmherzig war, und doch finden wir nirgends, daß sein Zeitalter den Grad persönlicher Erbitterung und Verachtung gegen den Letztern hätte blicken lassen, die es sich gegen seinen Vorgänger erlaubte.
Die Niedrigkeit seiner Geburt im Glanz hoher Würden zu verhüllen und ihn durch einen erhabeneren Stand vielleicht dem Muthwillen seiner Feinde zu entrücken, hatte ihn die Regentin durch ihre Verwendungen in Rom mit dem Purpur zu bekleiden gewußt; aber eben diese Würde, die ihn mit dem römischen Hofe näher verknüpfte, machte ihn desto mehr zum Fremdling in den Provinzen. Der Purpur war ein neues Verbrechen in Brüssel und eine anstößige verhaßte Tracht, welche gleichsam die Beweggründe öffentlich ausstellte, aus denen er ins Künftige handeln würde. Nicht sein ehrwürdiger Rang, der allein oft den schändlichsten Bösewicht heiligt, nicht sein erhabener Posten, nicht seine Achtung gebietenden Talente, selbst nicht einmal seine schreckliche Allmacht, die täglich in so blutigen Proben sich zeigte, konnten ihn vor dem Gelächter schützen. Schrecken und Spott, Fürchterliches und Belachenswerthes war in seinem Beispiel unnatürlich vermengt. Verhaßte Gerüchte brandmarkten seine Ehre; man dichtete ihm meuchelmörderische Anschläge auf das Leben Egmonts und Oraniens an; das Unglaublichste fand Glauben; das Ungeheuerste, wenn es ihm galt oder von ihm stammen sollte, überraschte nicht mehr. Die Nation hatte schon einen Grad der Verwilderung erreicht, wo die widersprechendsten Empfindungen sich gatten und die feinern Grenzscheiden des Anstands und sittlichen Gefühls hinweggerückt sind. Dieser Glaube an außerordentliche Verbrechen ist beinahe immer ein untrüglicher Vorläufer ihrer nahen Erscheinung.
Aber eben das seltsame Schicksal dieses Mannes führt zugleich etwas Großes, etwas Erhabenes mit sich, das dem unbefangenen Betrachter Freude und Bewunderung gibt. Hier erblickt er eine Nation, die, von keinem Schimmer bestochen, durch keine Furcht in Schranken gehalten, standhaft, unerbittlich und ohne Verabredung einstimmig das Verbrechen ahndet, das durch die gewaltsame Einsetzung dieses Fremdlings gegen ihre Würde begangen ward. Ewig unvermengt und ewig allein sahen wir ihn, gleich einem fremden, feindseligen Körper, über der Fläche schweben, die ihn zu empfangen verschmäht. Selbst die starke Hand des Monarchen, der sein Freund und sein Beschützer ist, vermag ihn gegen den Willen der Nation nicht zu halten, welche einmal beschlossen hat, ihn von sich zu stoßen. Ihre Stimme ist so furchtbar, daß selbst der Eigennutz auf seine gewisse Beute Verzicht thut, daß seine Wohlthaten geflohen werden, wie die Früchte von einem verfluchten Baume. Gleich einem ansteckenden Hauche haftet die Infamie der allgemeinen Verwerfung auf ihm. Die Dankbarkeit glaubt sich ihrer Pflichten gegen ihn ledig, seine Anhänger meiden ihn, seine Freunde verstummen. So fürchterlich rächte das Volk seine Edeln und seine beleidigte Majestät an dem größten Monarchen der Erde.
Die Geschichte hat dieses merkwürdige Beispiel nur ein einziges Mal in dem Cardinal Mazarin wiederholt; aber es war, nach dem Geiste beider Zeiten und Nationen, verschieden. Beide konnte die höchste Gewalt nicht vor dem Spotte bewahren; aber Frankreich fand sich erleichtert, wenn es über seinen Pantalon lachte, und die Niederlande gingen durch das Gelächter zum Aufruhr. Jenes sah sich aus einem langen Zustand der Knechtschaft unter Richelieus Verwaltung in eine plötzliche, ungewohnte Freiheit versetzt; diese traten aus einer langen und angebornen Freiheit in eine ungewohnte Knechtschaft hinüber; es war natürlich, daß die Fronde wieder in Unterwerfung und die niederländischen Unruhen in republikanischer Freiheit oder Empörung endigten. Der Aufstand der Pariser war die Geburt der Armuth, ausgelassen, aber nicht kühn, trotzig ohne Nachdruck, niedrig und unedel, wie die Quelle, woraus er stammte. Das Murren der Niederlande war die stolze und kräftige Stimme des Reichthums. Muthwille und Hunger begeisterten jene, diese Rache, Eigenthum, Leben und Religion. Mazarins Triebfeder war Habsucht, Granvellas Herrschsucht. Jener war menschlich und sanft, dieser hart, gebieterisch, grausam. Der französische Minister suchte in der Zuneigung seiner Königin eine Zuflucht vor dem Haß der Magnaten und der Wuth des Volks; der niederländische Minister forderte den Haß einer ganzen Nation heraus, um einem Einzigen zu gefallen. Gegen Mazarin waren nur Parteien und der Pöbel, den sie waffneten; gegen Granvella die Nation. Unter jenem versuchte das Parlament eine Macht zu erschleichen, die ihm nicht gebührte; unter diesem kämpfe es für eine rechtmäßige Gewalt, die er hinterlistig zu vertilgen strebte. Jener hatte mit den Prinzen des Geblüts und den Pairs des Königreichs, wie dieser mit dem eingebornen Adel und den Ständen zu ringen, aber anstatt daß die Erstern ihren gemeinschaftlichen Feind nur darum zu stürzen trachteten, um selbst an seine Stelle zu treten, wollten die Letztern die Stelle selbst vernichten und eine Gewalt zertrennen, die kein einzelner Mensch ganz besitzen sollte.
Indem dies unter dem Volke geschah, fing der Minister an, am Hof der Regentin zu wanken. Die wiederholten Beschwerden über seine Gewalt mußten ihr endlich doch zu erkennen gegeben haben, wie wenig man an die ihrige glaube; vielleicht fürchtete sie auch, daß der allgemeine Abscheu, der auf ihm haftete, sie selbst noch ergreifen, oder daß sein längeres Verweilen den gedrohten Aufstand doch endlich herbeirufen möchte. Der lange Umgang mit ihm, sein Unterricht und sein Beispiel hatten sie endlich in den Stand gesetzt, ohne ihn zu regieren. Sein Ansehen fing an, sie zu drücken, wie er ihr weniger nothwendig wurde, und seine Fehler, denen ihr Wohlwollen bis jetzt einen Schleier geliehen hatte, wurden sichtbar, wie es erkaltete. Jetzt war sie ebenso geneigt, diese zu suchen und aufzuzählen, als sie es sonst gewesen war, sie zu bedecken. Bei dieser so nachtheiligen Stimmung für den Cardinal fingen die häufigen und dringenden Vorstellungen des Adels endlich an, bei ihr Eingang zu finden, welches um so leichter geschah, da sie zugleich ihre Furcht darein zu vermengen wußten. »Man wundere sich sehr,« sagte ihr unter andern Graf Egmont, »daß der König, einem Menschen zu Gefallen, der nicht einmal ein Niederländer sei, und von dem man also wisse, daß seine Glückseligkeit mit dem Besten dieser Länder nichts zu schaffen habe, alle seine niederländischen Untertanen könne leiden sehen – einem fremden Menschen zu Gefallen, den seine Geburt zu einem Unterthan des Kaisers, sein Purpur zu einem Geschöpfe des römischen Hofes machte. Ihm allein,« setzte der Graf hinzu, »habe Granvella es zu danken, daß er bis jetzt noch unter den Lebendigen sei; künftig hin aber würde er diese Sorge der Statthalterin überlassen und sie hiemit gewarnet haben.« Weil sich der größte Theil des Adels, der Geringschätzung überdrüssig, die ihm dort widerfuhr, nach und nach aus dem Staatsrath zurückzog, so verlor das willkürliche Verfahren des Ministers auch sogar noch den letzten republikanischen Schein, der es bisher gemildert hatte, und die Einöde im Senat ließ seine hochmüthige Herrschaft in ihrer ganzen Widrigkeit sehen. Die Regentin empfand jetzt, daß sie einen Herrn über sich hatte, und von diesem Augenblick an war die Verbannung des Ministers beschlossen.
Sie fertigte zu diesem Ende ihren geheimen Secretär, Thomas Armenteros, nach Spanien ab, um den König über alle Verhältnisse des Cardinals zu belehren, ihm alle jene Aeußerungen des Adels zu hinterbringen und auf diese Art den Entschluß zu seiner Verbannung in ihm selbst entstehen zu lassen. Was sie ihrem Briefe nicht anvertrauen mochte, hatte Armenteros Befehl, auf eine geschickte Art in den mündlichen Bericht einzumischen, den ihm der König wahrscheinlich abfordern würde. Armenteros erfüllte seinen Auftrag mit aller Geschicklichkeit eines vollendeten Hofmanns; aber eine Audienz von vier Stunden konnte das Werk vieler Jahre, die Meinung Philipps von seinem Minister, in seinem Gemüthe nicht umstürzen, die für die Ewigkeit darin gegründet war. Lange ging dieser Monarch mit der Staatsklugheit und seinem Vorurtheil zu Rathe, bis endlich Granvella selbst seinem zaudernden Vorsatz zu Hilfe kam und freiwillig um seine Entlassung bat, der er nicht mehr entgehen zu können fürchtete. Was der Abscheu der ganzen niederländischen Nation nicht vermocht hatte, war dem geringschätzigen Betragen des Adels gelungen; er war einer Gewalt endlich müde, welche nicht mehr gefürchtet war und ihn weniger dem Neid als der Schande bloßstellte. Vielleicht zitterte er, wie Einige geglaubt haben, für sein Leben, das gewiß in einer mehr als eingebildeten Gefahr schwebte; vielleicht wollte er seine Entlassung lieber unter dem Namen eines Geschenks, als eines Befehls, von dem König empfangen und einen Fall, dem nicht mehr zu entfliehen war, nach dem Beispiel jener Römer mit Anstand thun. Philipp selbst, scheint es, wollte der niederländischen Nation lieber jetzt eine Bitte großmüthig gewähren, als ihr später in einer Forderung nachgeben und mit einem Schritte, den ihm die Notwendigkeit auferlegte, wenigstens noch ihren Dank verdienen. Seine Furcht war seinem Eigensinn überlegen, und die Klugheit siegte über seinen Stolz.
Granvella zweifelte keinen Augenblick, wie die Entscheidung des Königs ausgefallen sei. Wenige Tage nach Armenteros' Zurückkunft sah er Demuth und Schmeichelei aus den wenigen Gesichtern entwichen, die ihm bis jetzt noch dienstfertig gelächelt hatten; das letzte kleine Gedränge feiler Augenknechte zerfloß um seine Person, seine Schwelle wurde verlassen; er erkannte, daß die befruchtende Wärme von ihm gewichen war. Die Lästerung, die ihn während seiner ganzen Verwaltung mißhandelt hatte, schonte ihn auch in dem Augenblicke nicht, wo er sie aufgab. Kurz vorher, eh' er sein Amt niederlegte, untersteht man sich zu behaupten, soll er eine Aussöhnung mit dem Prinzen von Oranien und dem Grafen von Egmont gewünscht und sich sogar erboten haben, ihnen, wenn um diesen Preis ihre Vergebung zu hoffen wäre, auf den Knieen Abbitte zu thun. Es ist klein und verächtlich, das Gedächtniß eines außerordentlichen Mannes mit einer solchen Nachrede zu besudeln, aber es ist noch verächtlicher und kleiner, sie der Nachwelt zu überliefern. Granvella unterwarf sich dem königlichen Befehl mit anständiger Gelassenheit. Schon einige Monate vorher hatte er dem Herzog von Alba nach Spanien geschrieben, daß er ihm, im Fall er die Niederlande würde räumen müssen, einen Zufluchtsort in Madrid bereiten möchte. Lange bedachte sich dieser, ob es rathsam wäre, einen so gefährlichen Nebenbuhler in der Gunst seines Königs herbeizurufen, oder einen so wichtigen Freund, ein so kostbares Werkzeug seines alten Hasses gegen die niederländischen Großen, von sich zu weisen. Die Rache siegte über seine Furcht, und er unterstützte Granvellas Gesuch mit Nachdruck bei dem Monarchen. Aber seine Verwendung blieb fruchtlos. Armenteros hatte den König überzeugt, daß der Aufenthalt dieses Ministers in Madrid alle Beschwerden der niederländischen Nation, denen man ihn aufgeopfert hatte, heftiger wieder zurückbringen würde; denn nunmehr, sagte er, würde man die Quelle selbst, deren Ausflüsse er bis jetzt nur verdorben haben sollte, durch ihn vergiftet glauben. Er schickte ihn also nach der Grafschaft Burgund, seinem Vaterland, wozu sich eben ein anständiger Vorwand fand. Der Cardinal gab seinem Abzug aus Brüssel den Schein einer unbedeutenden Reise, von der er nächster Tage wieder eintreffen würde. Zu gleicher Zeit aber erhielten alle Staatsräthe, die sich unter seiner Verwaltung freiwillig verbannt hatten, von dem Hofe Befehl, sich im Senat zu Brüssel wieder einzufinden. Ob nun gleich dieser letztere Umstand seine Wiederkunft nicht sehr glaublich machte und man jene Erfindung nur für ein trotziges Elend erklärte, so schlug dennoch die entfernteste Möglichkeit seiner Wiederkunft gar sehr den Triumph nieder, den man über seinen Abzug feierte. Die Statthalterin selbst scheint ungewiß gewesen zu sein, was sie an diesem Gerüchte für wahr halten sollte, denn sie erneuerte in einem neuen Briefe an den König alle Vorstellungen und Gründe, die ihn abhalten sollten, diesen Minister zurückkommen zu lassen. Granvella selbst suchte in seinem Briefwechsel mit Barlaimont und Viglius dieses Gerücht zu unterhalten und wenigstens noch durch wesenlose Träume seine Feinde zu schrecken, die er durch seine Gegenwart nicht mehr peinigen konnte. Auch war die Furcht vor dem Einflusse dieses Mannes so übertrieben groß, daß man ihn endlich auch aus seinem eigenen Vaterland verjagte.
Nachdem Pius der Vierte verstorben war, machte Granvella eine Reise nach Rom, um der neuen Papstwahl beizuwohnen und dort zugleich einige Aufträge seines Herrn zu besorgen, dessen Vertrauen ihm unverloren geblieben war. Bald darauf machte ihn dieser zum Unterkönig von Neapel, wo er den Verführungen des Himmelsstrichs erlag und einen Geist, den kein Schicksal gebeugt hatte, von der Wollust übermannen ließ. Er war zweiundsechzig Jahre alt, als ihn der König wieder nach Spanien zurücknahm, wo er fortfuhr, die italienischen Angelegenheiten mit unumschränkter Vollmacht zu besorgen. Ein finsteres Alter und der selbstzufrieden Stolz einer sechzigjährigen Geschäftsverwaltung machte ihn zu einem harten und unbilligen Richter fremder Meinungen, zu einem Sklaven des Herkommens und einem lästigen Lobredner vergangener Zeiten.
Aber die Staatskunst des untergehenden Jahrhunderts war die Staatskunst des angehenden nicht mehr. Die Jugend des neuen Ministeriums wurde bald eines so gebieterischen Aufsehers müde, und Philipp selbst fing an, einen Rathgeber zu meiden, der nur die Thaten seines Vaters lobenswürdig fand. Nichtsdestoweniger vertraute er ihm noch zuletzt seine spanischen Länder an, als ihn die Eroberung Portugals nach Lissabon forderte. Er starb endlich auf einer italienischen Reise in der Stadt Mantua im drei und siebzigsten Jahre seines Lebens und im Vollgenuß seines Ruhms, nachdem er vierzig Jahre ununterbrochen das Vertrauen seines Königs besessen hatte.
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